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Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg 14/2015 (5.4.2015), S. 18f, von Andreas Steidel

Georg Elsers fester Glaube

KÖNIGSBRONN (Dekanat Heidenheim) - Am 9.April kommt ein neuer Film über den Hitler-Attentäter Georg Elser in die Kinos. Er offenbart auch, wie tief gläubig der in pietistischer Umgebung geborene Schreinergeselle war und wie sehr sich seine württembergische Heimat Königsbronn im Nationalsozialismus verändert hatte. Eine Spurensuche auf der Ostalb.

Ein großer hagerer Mann steht am Bahnhof. Sein Gesicht wirkt ausgehöhlt, fast ein wenig tot. Zwischen den Beinen befindet sich eine Aktentasche, in der eine Dynamitstange zu sehen ist. Er trägt einen Hut und einen langen Mantel, aus dem zwei eigenartige Hände herausragen: Eine schlanke ausgestreckte Künstlerhand und eine zur Faust geballte, die zeigt, das hier jemand zum Handeln entschlossen ist.

Seit 2010 steht das Denkmal für Georg Elser am Bahnhof von Königsbronn. Der verlorene Sohn ist zurückgekehrt. In eine Heimat, die er 1939 für immer verlassen sollte und die sich lange sehr schwer damit getan hat, ihn zu würdigen.

"Attentatshausen" wurde Königsbronn spöttisch genannt, als klar war, woher der Bombenleger vom Bürgerbräukeller stammt. Am 8. November 1939 hatte der Schreinergeselle Georg Elser in München einen Anschlag auf Hitler verübt, dem der Diktator knapp entging, weil er 13 Minuten zu früh den Saal verlassen hatte. Danach fiel die Gestapo in Königsbronn ein und terrorisierte die Bevölkerung.

1750 Einwohner hatte die Gemeinde damals, fortan galt es als Schande aus dem Ort an der Brenzquelle zu stammen. Das ändert sichauch dann nicht, als der Spuk der NS-Zeit vorbei war. Immer wieder wurde Elser diffamiert lind mit dubiosen Hintermännern in Verbindung gebracht.

Einer der gewichtigsten Verbreiter falscher Gerüchte war ausgerechnet der honorige Pastor Martin Niemöller, der selbst in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau war und dort aufgeschnappt hatte, Elser sei Unterscharführer der SS und ein Werkzeug der Nazis gewesen. In einer Rede vor Studenten an der Universität Göttingen 1946 und mehreren Interviews gab er die Vernmutungen weiter, wohl um zu zeigen, zu welch perfiden Dingen die Nazis fähig waren.

Bis 1964 wusste überhaupt niemand wirklich; Elser richtig einzuordnen. Dann entdeckte der Historiker Lothar Gruchman das Verhörprotokoll Georg Elsers, das zweifelsfrei belegt, was kaum einer für möglich gehalten hatte: Elser war ein Einzeltäter, ein einfacher Mann aus dem Volke, der sich nicht hatte vereinnahmen lassen. Der den Rattenfängern des NS-Regimes nicht auf den Leim gegangen war und der es Dank seines handwerklichen Geschicks fertig gebracht hatte, eine Bombe mit Zeitzünder zu bauen. Als sie in die Luft ging, war Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht und der Krieg noch nicht verloren, wie an jenem 20. Juli 1944, als Stauffenberg seine Sprengladung gezündet hatte.

Einer, der seit fast 30 Jahren um den guten Ruf Georg Elsers kämpft, ist Manfred Maier. Der heute 77-Jährige ist Vorsitzender des Ceorg-Elser-Arbeitskreises in Heidenheim. Als dort 1988 mit der Arbeit begonnen wurde, war in Königsbronn noch kaum einer bereit, sich mit Elser zu beschäftigen. Erst mit dem Wechsel im Bürgermeisteramt 1990 setzte ein Umdenken an. Eine junge Generation von Königsbronnern hatte genug vom ewigen Schweigen.

"Wenn es überhaupt Helden gibt, dann ist Georg Elser einer", sagt Manfred Maier. Seinem unermüdlichen Mahnen und Spendensammeln ist es zu verdanken, dass das Denkmal am Bahnhof von Königsbronn steht. Maier hatte auch seine Finger im Spiel, als die Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1997 erstmals eine Elser-Ausstellung in Berlin veranstaltete. Sie wurde in Königsbronn wieder aufgebaut und bildet heute den Grundstock für die Gedenkstätte, die 1998 in Königsbronn eröffnet wurde.

Joachim Ziller (54) ist ihr Leiter. Ziller gehört auch zu denen, die sich gewundert haben, "warum Elser im Geschichtsunterricht mit keinem Wort Erwähnung fand". Als er 1993 Hauptamtsleiter in seiner Heimatgemeinde Königsbronn wurde, trat er gleich dem Elser-Arbeitskreis bei und trieb die Aufarbeitung voran: 1995 gab es eine erste Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag, 1998 eine Dauerausstellung, 2003 dieUmbennung der Grund-, Haupt- und Realschule, die seither Elsers Namen trägt.

Auf dem Friedhof gibt es eine kleine Grabplatte für den Widerstandskämpfer, die gleich neben den gefallenen Soldaten zu finden ist. Am 9. April 1945 wurde Georg Elser in Dachau ermordet, am gleichen Tag wie der Sonderhäftling Dietrich Bonhoeffer.

So wie Bonhoeffer war auch Elser ein gläubiger Mensch. Das wird auch in dem neuen Film von Oliver Hirschbiegel deutlich, der am 9. April, dem Todestag Elsers in die Kinos kommt. Er korrigiert das Bild des verschrobenen Sonderlings, der nicht unter Menschen ging und zeigt Georg Elser als geselligen Musikanten.

Er zeigt ihn auch als Menschen, der tief im Glauben verwurzelt war und der immer wieder Trost im Gebet suchte. "Er wurde evangelisch erzogen", wird seine Mutter Maria später zu Protokoll geben und im Verhör durch die Gestapo gesteht Georg EIser ein, "ungefähr 3D-mal" vor seiner Tat in die Kirche gegangen zu sein, um Trost zu finden.

Hinter dem Denkmal am Bahnhof steht die evangelische Kirche von Königsbronn. Hier wurde Georg EIser konfirmiert, hierhin ging seine Mutter in den Gottesdienst, als es im Nazi-Reich längst nicht mehr opportun war, ein gläubiger Mensch zu sein. In den dreißiger Jahren war Martin Kadelbach Pfarrer in Königsbronn. Mutig hatte er gegen die NS-freundlichen "Deutschen Christen" protestiert und einen Brief an Adolf Hitler geschrieben. 1939 ging er, womöglich, weil es ihm nahelegt wurde, an die Front und gilt seit 1944 als vermisst. Sein Sohn Ulrich, der ebenfalls Pfarrer ist und bis 1954 in Könisgbronn lebte, gehört zu den Spendern des Elser-Denkmals am Bahnhof.

Es gibt viele rätselhafte Geschichten um Georg Elser und seine Heimat Königsbronn. Eine ist die von dem Elser­Archiv, das dort zum, Schein Anfang der Siebziger von der Gemeinde eingerichet wurde, um nach außen zu signalisieren, dass man an der Sache nun dran sei, wie Hauptamstleiter Ziller nicht ohne Kopschütteln erzählt. Eine andere Geschichte ist jene der Zither, die heute in der Gedenkstätte ausgestellt ist: Ein Bewacher Elsers aus dem KZ hatte sie eines Nachts seinem Bruder Leonhard vor die Tür gelegt - eine menschliche Geste aus der Welt des Grauens, aus der Ceorg Elser nicht mehr zurückkehren sollte.

Der neue Film "Elser" kommt am 9.4.2015 in die Kinos. Die Gedenkstätte in Königsbronn hat Sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet, ansonsten kann der Schlüssel im Rathaus abgeholt werden. . Umfangreiche Informationen gibt es auf der Website  des Georg-Elser-Arbeitskreises in Heidenheim. Dort werden auch Vorträge angeboten. www.georg-elser-arbeitskreis.de Telefon 07321-965909.

 

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